Heute widme ich mich dem Thema „überfordern / Überforderung“.
Oder ist es doch eher „Herausforderung“? „Fordern“? „Fördern“??

Immer wieder kommt zu uns das Thema, dass unsere Musik „doch sehr anspruchsvoll sei“. Für Kinder. Also die Erwachsenen vermuten, dass unsere Musik (oder die Inhalte?) für ihre Kinder (zu) anspruchsvoll sein könnte.

Anspruch

Ich muss sagen, dass ich diese Erfahrung noch nicht gemacht habe und ich meine damit nicht nur mit meiner Musik. Oder mit der Musik von Julianes Wilde Bande. Ich meine mit jeder Musik.

Bisher habe ich noch nie feststellen können, dass irgendwelche Musik meine Kinder (3, 8, 10 Jahre) überfordert hätte. Vor einigen Inhalten habe ich sie bewahrt: Sexismus, Gewalt, Aufrufen zur Gewalt. Ok, da sind wir uns einig. Wobei ich damit ja schon über die Inhalte spreche. Bisher ist mir auch nicht ganz klar, ob es um die Inhalte geht, oder um die Art der Musik. (Weil bei manchem „Jazz“ drauf steht?)

Ich bleibe nochmal dabei, dass bisher keine Musik meine Kinder überfordert hat (oder all die Kinder, die bisher in unseren Konzerten waren). Lautstärke schon. Das ist natürlich mit dem Alter und dem Geschlecht verschieden. Aber auch mit der Heftigkeit, wie diese Lautstärke auf Kinder trifft. Geht es sehr knallend los, dann kann das – gerade jüngere Kinder – irritieren. Trotzdem ist eine gute Grundlautstärke für den Transport der Spielfreude, der Intention, der Freude, unterlässlich. Wir sind nun mal nicht mit Akustik-Gitarre oder Akkordeon unterwegs, sondern mit Band. Und das sorgt auf jeden Fall für große Freude!
Kindermusik-Konzerte mit Gitarre und Bandoneon haben wir schon sehr laute erlebt. Was trotzdem nicht bedeutete, dass die Kinder rausgerannt sind. Im Gegenteil, sie blieben und waren mitten dabei.

Ich glaube auch nicht, dass von der Lautstärke die Rede ist. Denn die Rückmeldungen bezogen sich meistens auf eine Hörerfahrung, die die Erwachsenen infolge einer CD machen. Die hätte man ja leiser machen können. Also geht es vielleicht um die Inhalte?

Geht es um die Inhalte?

Ich muss zugeben, die Inhalte sind wirklich teilweise anders, als die anderer Kindermusik. Uns ist wichtig, dass unsere Inhalte (je nach Zielgruppe natürlich) eine gewisse Tiefe haben. (Das Gegenteil von Tiefe ist „flach“.) Wir singen nicht von Zickereien, oder Ähtsche-Bätsche-Selber-Schuld, oder von Stinkfüßen oder von Nachrichten, in denen gesagt wird, dass irgendwas abgebrannt ist, oder mit erhobenem pseudo-pädagogischem Zeigefinger. Ich habe ein paar reale Beispiele herausgegriffen. Jeder kann das so machen, wie er möchte und es für richtig empfindet. Ich sage nur, dass wir es für unsere Musik und unsere Inhalte anders sehen.

Die Frage nach den Inhalten ist also: Überfordern wir die Kinder mit unseren Inhalten? Ich bitte den geneigten Leser, jedes unserer Lieder zu hören und uns eine Rückmeldung darüber zu geben. Ganz ehrlich, bitte!
Ich denke dabei daran, wie wir Sprache lernen. Wir kommen als Babys hierher, haben im mütterlichen Bauch schon so einiges an Sprachmelodie und Emotionen mitbekommen und sind nach der Geburt nun mit Konsonanten konfrontiert und versuchen, den Sinn hinter alldem, was die Erwachsenen so von sich geben, zu entdecken.
Dabei spielt eine wichtige Rolle, wie etwas gesagt wird, nicht so sehr, was gesagt wird. Wir nehmen die Erwachsenen wahr. Als glücklich, unglücklich, wütend, traurig, empfindsam, fröhlich…u.s.w. Nun versuchen wir, für unsere Empfindungen Worte zu finden und benutzen irgendwann ähnliche Worte, wie die der Erwachsenen. Wir wollen so sein wie sie.

Es gibt als immer mehrere Ebenen in der Kommunikation: Worte, Emotionen, Gesten, Mimik. All das nehmen wir wahr und machen uns einen Reim draus (z.B. auch, wenn Gestik und Mimik nicht mit dem verbalen Inhalt zusammenpasst.) Wir nehmen einfach alles wahr. Und das ist die Grundessenz dessen, was ich mit meinen Kindern gelernt habe. Sie nehmen einfach alles wahr. Sie bewerten nicht, stecken nicht in Schubladen, haben keine Hierarchien (z.B. Arzt sein ist besser als Fahrer der Stadtreinigung). So kann ich mit meinen Kindern Musik von John Zorn hören, Kraftklub, Julianes Wilde Bande, Gerhard Schöne, björk, clueso, Schlager. Alles ist möglich und wird einfach nur wahrgenommen.

Gerade denke ich nochmal über die Sprachentwicklung nach. Wir kommen also hierher und verstehen anfangs eher nur die Emotionen und andere, non-verbale, Inhalte. Mit der Zeit lernen wir, was die Worte auch alle bedeuten (können). Das heißt aber nicht, dass wir gleich alle Worte kennen. Stück für Stück lernen wir neue Worte und Phrasen dazu und lernen, was das alles bedeuten könnte. Wir hören eigentlich immer zwischen den Zeilen und „Fühlen“ unbekannte Worte eher, als dass wir kognitiv bestimmen könnten, was sie absolut bedeuten. Auf diese Art lernen wir Sprache.
Wenn ich also denke, dass es im Inhalt (unserer Musik) vielleicht Worte oder Phrasen gibt, die ein Kind (je nach Alter) nicht verstehen wird, dann kann ich aber doch sicher sein, dass es zumindest die Stimmung, die Emotionen, die Inhalte trotzdem, und auf anderen Ebenen wahrnehmen wird.

Also geht es vielleicht nicht um die Inhalte, sondern um die Musik?

Ich habe gerade John Zorn erwähnt. Meine Kinder waren gebannt von dem, was die Aufnahme bot! Sie hörten, wie ein Sänger sich fast auskotzte, das Saxophon schrill schrie, die Band plötzlich ganz ruhig war, dann harte Schnitte, Bewegung, Stille, Vorwärts, Stehenbleiben. Sie waren fasziniert und gebannt davon. Ich glaube, sie sind immer gebannt davon, wenn etwas Emotionales, Authentisches passiert. Sie spüren dann, sie können etwas für ihr Leben mitnehmen. Denke ich mal. Wenn die Musik flach ist, keinen Ausdruck hat, keine besondere Farbe, dann interessiert sie es auch nicht.

Daraufhin bitte ich nochmals, alle unsere Musik anzuhören und festzustellen: Ist die Musik zu kompliziert (als dass man ihr nicht folgen könnte)?

Ich habe eine Vermutung.

Ich glaube, dass die Erwachsenen manchmal verwechseln, was sie für zu anspruchsvoll für Kinder halten, ist für sie auch zu anspruchsvoll. Sie verwechseln, was in ihrer Vorstellung in einer Schublade steckt (z.B. Free Jazz, Metal, HipHop, Klassik, Jazz…), steckt auch in Schubladen der Kinder. Aber die haben ja gar keine! Die brauchen sie auch nicht. Sie kommen hierher und versuchen einfach nur alle Impulse ihrer Umwelt aufzunehmen. Das In-Schubladen-Stecken lernen sie von uns! Und dass das in den meisten Fällen eine trennende (im Gegensatz zu einer verbindenden) Eigenschaft ist, sollte uns mittlerweile klar sein.

Und noch eine These

Wollen wir am Anspruch unserer Musik schrauben, damit sie unsere Vorstellung von dem trifft, was für Kinder nicht „zu anspruchsvoll“ ist? Ist es denn so, dass Kinder Musik mit „weniger Anspruch“ brauchen? Ist es nicht eher so, dass alle Eindrücke, denen ich meine Kinder aussetze, von höchstem Anspruch sein sollten? Soll ich für ein Kinderkonzert andere – geringere – Maßstäbe setzen, als für ein Erwachsenenkonzert? Überfordere ich wirklich di Kinder; oder vielleicht die Erwachsenen? Bringe ich sie in die Situation, sich mit ihren eigenen Werten auseinanderzusetzen?

Unsere Werte

Mir ist wichtig, dass die Musik, die ich für Kinder mache, authentisch ist. Dass ich dahinter stehe. Dass sie von so hoher Qualität und von so hohem Anspruch ist, dass ich damit auch ein Konzert für Erwachsene geben würde. Eigentlich noch höher! Kinder sind so empfindsam und offen für alles, was in ihr Leben kommt. Auf jeder Ebene!
Weiterhin ist mir Aufrichtigkeit wichtig, Integrität, Verantwortung, Selbstbestimmtheit, Achtsamkeit, Unvoreingenommenheit / Offenheit, Erfüllung / Fülle, Verbindung zu meinen Zuhörern. Ich überprüfe ständig diese Werte bringe sie in Einklang mit meinem Tun.

Ihr findet unsere Werte unter: http://julianeswildebande.de/werte.
Was diese Werte genau bedeuten, darauf gehe ich später ein.

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