Heute erinnerte ich mich wieder an die Temperamente, denn ich habe einige Zeit an einem Ort zugebracht, der ein paar Jahre fast wie mein zweites Zuhause war. Dabei hatte ich ein besonderes Gefühl, das ich schon lange kenne, das sehr stark ist und immer wieder in solchen Situationen auftaucht.

Als Jugendlicher habe ich ein Buch geschenkt bekommen, dessen Titel und Autorin ich jetzt nicht mehr weiß. Aber es hat mich einige Zeit begleitet und mir sehr geholfen, mich selbst zu verstehen, und zu verstehen, warum mir bestimmte Situationen und Emotionen immer wieder begegnen.

Über die Temperamente bescheid wissen

Es war ein Buch über Temperamente, geschrieben von einer Amerikanerin. Auf jeden Fall war es ziemlich „amerikanisch“ geschrieben – also in meinem Augen sehr reißerisch. Doch war es erstaunlich, wie gut die Autorin mich kannte, obwohl das ja gar nicht sein konnte! Sie beschrieb, dass Menschen wie mir immer bewußt ist, wieviel Geld sie in der Hosentasche haben (ist heute aber nicht mehr so), auf welcher Seite der Hausschlüssel, auf welcher das Taschentuch, usw. Sie wußte auch, dass Menschen wie ich davon überzeugt sind, dass alle so denken wie ich! Es ist nicht nur so, dass ich es „glaubte“, sondern „wußte“! Und noch einige Sachen mehr…

Das überraschte mich sehr und ich lernte auf dem Wege kennen, dass ich ziemlich viel Choleriker, mit einem hohen Anteil Melancholiker bin. Selbst dieses Ergebnis überraschte mich, denn ich schätzte mich bis dahin gar nicht so ein. Aber das kommt vielleicht daher, weil wir auch umgangssprachlich von z.B. Cholerikern ein bestimmtes Bild haben. Das Ganze wird eventuell viel subtiler sein. Seitdem ich das weiß und mich damit auseinandergesetzt habe, erkenne ich wiederum in der ersten Sekunde andere Menschen mit einem hohen cholerischen Anteil.

Nun ist es mit dem Konzept der Temperamente so, dass es meiner Ansicht nach sehr stark nach „Schubladen“ klingt, in die wir die Menschen daraufhin packen. Schon im Buch hat die Autorin immer wieder darauf hingewiesen, dass es darum nicht geht. Es ist nur wichtig, besser zu verstehen, wie und warum die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit auch verschieden an die Welt herangehen.

Verschiedenartigkeit der Menschen

Mir ist es ebenso sehr wichtig; ich würde sogar noch weiter gehen, und eher

Die Eigenarten, mit denen Menschen auf die Impulse der Umwelt reagieren, als melancholisch, phlegmatisch, sanguinisch oder cholerisch charakterisieren zu können.

Denn in jeden Menschen ist natürlich von allem etwas enthalten. Nur eben in einer besonderen Mischung.

Nun kann – wie in meinem Falle – eine Mischung, die in einer besonderen Art ausgeprägt ist, auch besondere Merkmale nach sich ziehen. Ich habe es immer so verstanden: Ich würde dem einen Temperament nach auf diese Art reagieren, dem anderen aber auf die andere Art. Das hat sich oft als eine Art Konflikt in mir bemerkbar gemacht.

Was hat das Ganze nun für eine Wichtigkeit in der Beziehung zu (seinen) Kindern?

Nach Außen, nach Innen

In der Beschäftigung mit dem Konzept der Temperamente fällt auf, dass es auf jeden Fall zwei grobe Richtungen gibt:

  • sanguinisch / cholerisch: eher nach außen orientiert
  • melancholisch / phlegmatisch: eher nach innen

Dazu kommt aber (stark vereinfacht und mit meinen Worten):

  • sanguinisch: stark von außen abhängig
  • cholerisch: lässt nur die eigene Ansicht zu
  • melancholisch: der Vergangenheit nachhängend
  • phlegmatisch: in sich ruhend

Und jetzt wird es interessant. Was ist, wenn die Eltern – oder ein Elternteil – eine stark ausgeprägte Veranlagung haben, das Kind aber eine gegensätzliche? Wenn die Eltern eher melancholisch oder phlegmatisch, das Kind aber stark cholerisch, oder sanguinisch ist?

Dann sind Konflikte vorprogrammiert. Zumindest wenn man nicht die Einsicht entwickelt, dass es sehr verschiedene Arten gibt, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Das ist vor allem für eher cholerisch betonte Elternteile interessant (der ich nun ja auch eines bin). Spätestens wenn die dann ein Kind mit auch einem hohen cholerischen Anteil haben (beide sind davon überzeugt, dass es nur die eigene Ansicht gibt??), dann sollten sie sich als allererstes darüber informieren. Und dann vor allem eines: Lockerlassen.

(Oder beide Beziehungspartner sanguinisch? Oder die Eltern sanguinisch, das Kind melancholisch?)

Mit Abstand annehmen können

Man kann es vorher einfach nicht wissen. Die Kinder kommen auf die Welt und bringen eine Ansicht im Aussen mit (so wie wir sie mit den Augen wahrnehmen können) und eine Ansicht im Innen (so wie sie auf ihre Umwelt reagieren). Beides lernen wir erst kennen, wenn sie hier sind. Und es bedeutet auch nicht, das sie (innen oder außen) so aussehen wie wir. Es kann sehr verschieden sein.

Verschiedenartigkeit achten

Und erst wenn wir die Verschiedenartigkeit überhaupt wahrnehmen, legen wir die Basis dafür, dass wir sie auch achten können. Dass wir das Kind in seiner Von-Uns-Verschiedenartigkeit auch lassen können. Dass wir den genügenden Abstand einnehmen können, um es wahrzunehmen und dann anzunehmen.

In diesem Sinne…entspanntes Kennenlernen!

You might also like

Künstlerische Ästhetik und ihre Wichtigkeit im Kontakt mit Kindern
Read more
Partnerschaftliche Betreuung nach Trennung
Read more
Grenzen zeigen, Grenzen akzeptieren, Sichtbar werden
Read more
Liebe, Annehmen was ist
Read more
Schule, Bewertung, Gehorsam
Read more

0 comments

Schreibe einen Kommentar

*