Heute hatten wir ein Gespräch mit einer Grundschullehrerin über Bewertung, Beurteilung und Entfaltung. In letzter Zeit kommt es mir so vor, als werde ich automatisch zum Schulgegner. (Dabei habe ich meine Kinder in der Waldorfschule und bin eigentlich ganz zufrieden damit. Allerdings hängt auch dort das Gelingen immer an der Reife des Gegenübers. Da hilft auch die Schulform nichts.)

Wie wir Beziehungen gestalten

Eigentlich ist in diesen Situationen mein Anliegen, davon zu berichten, dass ich andere Wege in meinen Beziehungen – auch und vor allem zu Kindern – gehen möchte. Dass ich mir ein Leben vorstelle, in dem wir gesunde Beziehungen zu unseren Mitmenschen eingehen. Und sie nicht bewerten, verurteilen. Oder von Ihnen Gehorsam abverlangen. (Der übrigens all unser Handeln und Denken durchdringt; mehr, als wir es uns oft vorstellen können). Oder sie als Menschen mit „Minus-Potential“ wahrnehmen, denen wir erst etwas beibringen müssen, damit sie im Leben bestehen können. (Was übrigens dafür sorgt, dass sie die ganze Zeit mit „Werden“ beschäftigt sind – weil sie unbedingt dazugehören wollen! – und verlernen zu „Sein“. „Sein“ ist allerdings der Zustand ohne Angst, ohne Sorge, ohne Ärger. Doch davon in einem anderen Beitrag…)

Da die Grundschullehrerin in einem Nebensatz davon berichtete, dass sie „Betragen“-Noten vergibt; und „Fleiß“-Noten, war ich mehr als irritiert. Ich dachte gar nicht, dass es so etwas noch gibt!
Meine Frage war, „Wer darf sich herausnehmen, einen anderen Menschen in seinem Betragen (oder seinem Fleiß) zu bewerten?“.
Die meisten zwei Antworten, die mir gegeben wurde, waren (sinngemäss), „Es ist eben so, steht im Schulgesetz“ oder „die Kinder wollen das so!“

Zu beiden Antworten habe ich meine Gedanken:

Neuausrichtung des Denkens und Handelns

Meine Vorstellung von meinem Leben ist von dem Grundgedanken getragen, dass es kein „Das ist eben so!“ mehr gibt. Das, was sich für mich nicht stimmig anfühlt, hinterfrage ich und richte mein Handeln und meine Entscheidungen neu aus. Darin unterscheiden wir uns!

Dass die Kinder eine „Bewertung wollen, bzw. brauchen“, habe ich anhand meines Sohnes auch schon festgestellt. Allerdings bemerke ich, dass er tatsächlich eher eine Art Abhängigkeit davon entwickelt hat. Es fällt ihm sehr schwer, zu sich selbst zu stehen. Sich frei zu entfalten, seine Wünsche durchzusetzen; seine Träume überhaupt anzunehmen. Das ist nämlich die Folge davon. Wenn wir unsere Identifikation nach aussen verlagern, oder uns davon abhängig machen, was andere von uns denken und wie sie finden, wie wir handeln, dann wird es uns zwangsläufig schwerer fallen, uns selbst zu finden und unseren Weg zu gehen.
Das findet ja auch ganz automatisch statt, wenn man Eltern hat, die auch in dem System von Bewertung und Unterordnung aufgewachsen sind. Dann kann man versuchen, es bei den eigenen Kindern anders zu machen, das stellt jedoch sehr hohe Anforderungen an die eigene persönliche Entwicklung.
Später übernehmen wir das dann selbst, und bewerten uns fortlaufend selbst.

Bist du an einer Weiterentwicklung interessiert?

An den Anfang des Gespräches – was insgesamt sehr emotional verlief – gehört eigentlich die Frage: „Bist du daran interessiert, dass wir die Gesellschaft/unsere Beziehungen/die Schule weiterentwickeln? Dass wir neue Wege finden, weil die alten für uns nicht mehr stimmig sind?“ Darauf hat mich Juliane hingewiesen und ich bemerke – retrospektiv –, dass diese Frage sehr wichtig für den eigenen Energiehaushalt wäre.
Wenn die Frage mit „nein“ beantwortet werden würde, sollte man in dem Thema nicht weiter diskutieren. Hingegen bedeutet ein „ja“, dass es zumindest die Chance gibt, dass meine Ansichten und Erfahrungen und Vorstellungen gehört werden können. Dass sie im Gespräch einen Raum finden, und nicht sofort mit „Das ist eben so“, „das geht nicht“, „das wurde schon immer so gemacht“ oder: „Das hat uns auch nicht geschadet!“ beantwortet werden. (Ob letzteres tatsächlich so ist, mag jeder für sich herausfinden.)
In dem Zuge fällt mir noch ein Ausspruch von André Stern ein, den er in seinem Vortrag tätigt: „In diesem/jedem Zweifel wohnt ein neuer Anfang inne!“ Das ist sehr treffend gesagt; es beinhaltet für mich aber auch das Gegenteil: „Wenn kein Zweifel vorhanden ist, dann gibt es auch keine Weiterbewegung.“

Abwehr und Angst

Ich habe herausgefunden: Wenn ich – als Mensch einfach nur auf der Suche nach gesunden Beziehungen – die Fragen stelle, die ich stelle, oder die Gegebenheiten hinterfrage, dann begegnet mir oft existentielle Angst. Das reicht von „das kann ich mir nicht vorstellen“ (was ja sehr authentisch ist und irgendwie total „ok“) bis hin zu „das geht nicht“, „das kann ich nicht verändern“. Außerdem äußert es sich meist in Ablehnung und Gegenwehr. So, als wolle ich vom Gegenüber ein Stück wegnehmen.

Daraufhin habe ich mir über Angst Gedanken gemacht. Mir ist aufgefallen, dass der Zustand von „Vertrauen“ – also 100% – dafür sorgen würde, dass wir keine Angst haben. Man kann ja nur angstvoll (oder als Steigerung: panisch) sein, wenn man nicht darauf vertrauen kann, dass alles gut wird. Also sorgt das Gegenteil – die Abwesenheit von Vertrauen – für Angst. Ich denke, das ist so nachvollziehbar.
In diesem Kontext heißt das, ich habe kein Vertrauen in meine (oder die mir anvertrauten) Kinder, daher greife ich darauf zurück, dass ich „anordne“, „bewerte“, „Wissen vermittle und abfrage“, da ich es nicht für möglich halte, dass es auch weiterhin möglich ist, dass die Kinder entsprechend ihres Spieltriebes und Wissensdranges selbstständig und selbstmotiviert lernen. Dass sie lediglich einen Raum brauchen, in dem sie sich ungestört entfalten können und der ihnen die Hilfe zur Verfügung stellt, die sie sich wünschen.

Weshalb habe ich aber Angst, wenn ich gar nicht selbst in der Situation bin, sondern mich vor den Fragen oder Infragestellung fürchte, oder von ihnen angegriffen fühle?
Wahrscheinlich, weil ich mein Ich/Sein/Selbst durch die erhaltene und zu erhaltende Bewertung definiere.
Dann fühlt es sich so an, als wird mir etwas weggenommen. Die Glaubenssystem, nach denen ich bisher gelebt habe und in denen ich aufgewachsen bin, werden hinterfragt. Damit wird es sehr persönlich und ich sehe einen Teil meiner Identität in Frage gestellt.

Identifikation über die Bewertung und Beurteilung

Es wäre wahrscheinlich leichter gewesen, wenn ich mich ebenso des Systems bedient hätte und gesagt hätte: „Du machst das nicht gut!“, als wenn ich das Konzept von Bewertung an sich in Frage gestellt hätte. Ich gewinne immer stärker den Eindruck, dass das Hinterfragen dieses Systems umso stärker Angst und Gegenwehr hervorruft, je mehr sich mein Gegenüber darüber identifiziert.

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