Am 11. Juli diesen Jahres wurde ich in Vertretung für diesen Blog eingeladen, am Zukunftsgespräch „Gemeinsam Getrennt Erziehen“ der Kultusministerkonferenz zum Thema „Partnerschaftliche Betreuung nach Trennung und Scheidung“ teilzunehmen.
Ich habe mich sehr gefreut, da es eine sehr inspirierende, wegweisende und konstruktive Veranstaltung war. Die Bundesfamilienministerin Dr. Katarina Barley hat dazu eingeladen, die Ergebnisse der Studie „Gemeinsam Getrennt Erziehen“ des Institutes für Demoskopie Allensbach vorzustellen, und um über die Forderungen an die Politik zu diskutieren.

Partnerschaftliche Betreuung wird präferiert

Dabei stellt sie klar:

Moderne Familien wünschen sich Partnerschaftlichkeit. Auch die getrennten Eltern. Eine partnerschaftliche Einstellung ist eine gute Grundlage, um Kinder nach einer Trennung gemeinsam zu erziehen. Im Vordergrund muss dabei das Wohlergehen der Kinder stehen, die diesen Einschnitt im Leben zu bewältigen haben.

Hier wird deutlich, dass immer noch Klärungsbedarf besteht, was „das Wohlergehen der Kinder“ ist. Denn mit diesem wird ja auch das derzeit noch ausschliesslich angeordnete Residenzmodell begründet.

Mediation – Definition & Voraussetzungen

Im Gespräch mit Frau Prof. Sünderhauf-Kravet – die die Veranstaltung als Highlight ihrer Karriere bezeichnete – wurde die Bedeutung der Allensbach-Studie deutlich. Sie sagte, nun steht endlich schwarz auf weiß, wovon sie seit Jahren schon redet; nun könne man es endlich nachlesen.
In ihrem Impulsreferat betrachtete sie „Mediation“ und stellte klar, was sie ist, und was nicht. Persönlich gefielen mir die Aufzählung der Voraussetzungen, wann sie gelingen kann: „Machtgleichgewicht und Kompromisswilligkeit“. An dieser Stelle wird schon deutlich, dass es im derzeitigen Rahmen nicht möglich ist, zu einer Einigung zu kommen, wenn einer nicht will. „Wenn ein Elternteil weiß, ich werde vor Gericht gewinnen, wird Mediation nicht gelingen.“ Sie stellte ausserdem klar, dass die „rechtliche, gesellschaftliche und individuelle Ausgangssituation (Leitbild) maßgeblich ist für den möglichen Erfolg einer Mediation“.

Rahmenbedingungen durch die Politik

Um es deutlich zu machen: Politik bietet die Rahmenbedingungen, die Auswirkungen bis hin zu den persönlichen Auseinandersetzungen und deren Beilegung haben. Wenn die Rahmenbedingungen ungünstig sind, dann kann es sein, dass auch persönliche Auseinandersetzungen nicht beigelegt werden können, wenn einem Elternteil klar ist, dass es durch Streit nur gewinnen kann. RA und Richter a.D. Jürgen Rudolph (Begründer der Cochemer Praxis) betonte in seinem Impulsvortrag, “ das Unglück, das wir sahen und das wir selbst verursachten, konnten wir nicht mehr mit ansehen“ und daher die Zusammenarbeit der Professionen im Familienrecht reformieren mussten. „Wir fördern die Eskalation und befrieden nicht“, „Wer die Macht hat, bekommt das Recht“, „Kinderperspektive spielt in der heutigen Praxis keine Rolle“, „schwarzes Loch Kindeswohl“. Und deutlich: „Das System kollabiert! Es braucht rechtlich verpflichtende Rahmenbedingungen…für die Arbeit mit getrennt lebenden Eltern“

Trennungsväter und Rabenmütter

Spannend war für mich persönlich auch die Erkenntnis aus dem Impulsvortrag von Frau Prof. Kreyenfeld, dass es „Trennungsväter in der amtlichen Statistik überhaupt nicht gibt“. Es ist also nicht überraschend, wenn es sich als Trennungsvater so anfühlt, als wird überhaupt nicht gesehen, in welcher Situation man sich plötzlich wiederfindet.

Toll war auch der sehr private Erfahrungsbericht von Frieda Cossham („Plötzlich Rabenmutter“): „es hatte sich falsch angefühlt, ihn als Wochenend-Vater zu sehen; oder mich als Wochenende-Mutter“.

Leitbilder – traditionell oder modern

Marc Serafin hatte einen wirklich umwerfenden Vortrag über gesellschaftliche Leitbilder gehalten. Dabei kam auch deutlich die Sprache auf die gängige Praxis und ihre Folgen: „Überlastung eines Elternteils und Mangelpräsenz des anderen Elternteils“. Es braucht „Familiäre Leitbilder, an denen Eltern und Berater ihr Verhalten orientieren.“ Das Spannungsfeld von „modernem gesellschaftlichen Leitbild (beide Elternteile beteiligen sich an der Betreuung der Kinder, und beide haben berufliche Perspektiven und Visionen) und einer Re-Traditionalisierung durch die vorherrschende Residenzmodell-Norm“ führt zu sehr viel Leid. Daher gäbe es „weniger Konflikte bei ähnlichen Leitbildern“, aber „Konflikteskalationen und Verstärkung durch Institutionen, die sich am traditionellen Rollenmodell orientieren“, wenn „wenig Kongruenz der Leitbilder der Eltern vorliegt“. Seinem Vorschlag nach ist ein „Leitbildwechsel durch den Gesetzgeber notwendig und eine Verankerung dessen im SGB VIII“. „Der §8 SGB VIII gehört verändert; es findet derzeitig eine einseitige  Unterstützung des betreuenden Elternteils statt.“

Väterzentrum

Marc Schulte vom Väterzentrum Berlin berichtete vor allem von den Erfahrungen aus dem Beratungsangebot des Väterzentrums. Väter „sehen im Rechtsweg häufig den einzigen Ausweg“. Sie sind oft „verzweifelt, ohnmächtig, wütend“ und sehen sich „professionellen Frauennetzwerken gegenüber, die oft als tendenziell väterfeindlich erlebt werden“. „Väter müssen sich immer beweisen“. Die „Chance der Väter, eine eigene Beziehung zu den Kindern zu entwickeln“, werden von den „Müttern oft als Affront erlebt: Das Kind gehört zur Mutter!“. „Viele Väter wünschen sich häufigeren Kontakt zu ihren Kindern.“

Im Folgenden nun ein paar Kernaussagen der Studie.

Kernaussagen der Allensbach-Studie Frühjahr 2017

„Während vor der Trennung die Mütter nach Einschätzung beider Elternteile schon in 51 Prozent der Trennungsfamilien das meiste oder alles an der Betreuung des Kindes übernahmen, berichten jetzt nach der Trennung etwa zwei Drittel der Eltern (65 Prozent) über eine deutlich überwiegende oder ausschließliche Betreuung durch die Mutter.“

„Allerdings betrachten nur 36 Prozent der Trennungseltern die aktuelle Aufteilung der Betreuung als ideal. Für 44 Prozent ist sie lediglich eine akzeptable Lösung, 16 Prozent lehnen sie grundsätzlich ab. Am ehesten unzufrieden sind Väter, die bei der Betreuung wenig oder gar nichts übernehmen; von ihnen lehnen 35 Prozent die bestehende Aufteilung ab“

„Etwa die Hälfte der Trennungseltern würde sich für die eigene Familie eine Aufteilung wünschen, bei der beide Elternteile die Hälfte bzw. etwas mehr oder etwas weniger als die Hälfte übernehmen (51 Prozent). 48 Prozent der Trennungsväter fänden dazu eine Vergrößerung ihres Anteils an der Betreuung und Versorgung der Kinder ideal, 42 Prozent der Trennungsmütter eine Verringerung des eigenen Anteils.
Diese Wünsche entsprechen tendenziell den Idealvorstellungen der Gesamtbevölkerung, die im November 2016 ermittelt wurden. Damals erklärten 77 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, auch nach einer Trennung sollten die Elternteile die Kinder am besten weiterhin gemeinsam betreuen und erziehen.“

„Das partnerschaftliche Betreuungsmodell wurde meist sowohl mit Blick auf den Nutzen für die Entwicklung der Kinder gewählt (80 Prozent der gemeinsam Betreuenden), die von beiden Elternteilen etwas haben sollen (77 Prozent), wie auch mit dem Wunsch, beiden Elternteilen die Betreuung der Kinder zu ermöglichen (81 Prozent). Zudem sollten die Kinder mit beiden Elternteilen Alltag wie Freizeit verbringen können (73 Prozent). Jeweils über 50 Prozent der Trennungseltern hatten auch im Sinn, eine Berufstätigkeit beider Elternteile zu ermöglichen und beiden zugleich genügend eigene Zeit zu eröffnen.“

„Die Erwartungen an die gemeinsame Betreuung erfüllen sich oft: So berichten Trennungseltern, die gemeinsam betreuen, deutlich häufiger als andere über eine Berufstätigkeit beider Elternteile (87 gegenüber 75 Prozent) und deutlich seltener als jene über zu wenig Zeit für sich selbst.
Über 90 Prozent der Eltern, die partnerschaftlich-gemeinsam erziehen und betreuen, geben deshalb gute (54 Prozent) oder sogar sehr gute Erfahrungen (39 Prozent) mit dem Modell zu Protokoll. Nur 2 Prozent der Nutzer berichten über eher schlechte Erfahrungen, 5 Prozent bleiben unentschieden. Auch die übrigen Trennungseltern nehmen das Modell tendenziell eher positiv wahr.“

„Trennungseltern, die gemeinsam betreuen, haben hier im Hinblick auf das Kind andere Erfahrungen gemacht: 81 Prozent berichten, das Kind komme gut mit der Aufteilung der Betreuung zurecht.“

„Voraussetzungen für das gemeinsame Betreuen sind partnerschaftliche Einstellungen nach der Partnerschaft, vor allem die Bereitschaft, den anderen Elternteil als Mitbetreuer zu akzeptieren und die eigenen Differenzen mit Rücksicht auf das Kind hintanzustellen. „Wir bemühen uns, das Kind nicht in unsere Konflikte hineinzuziehen“, sagen 74 Prozent der Mütter und Väter, die sich für eine gemeinsame Betreuung entschieden haben, im Durchschnitt aller Trennungseltern aber nur 43 Prozent. Dazu gehören auch ähnliche Vorstellungen beider Elternteile in Erziehungsfragen (71 gegenüber 36 Prozent) und die Erfahrung, dass Absprachen mit dem früheren Partner bzw. der früheren Partnerin funktionieren.“
Quelle: http://www.ifd-allensbach.de/fileadmin/IfD/sonstige_pdfs/Gemeinsam_erziehen_Kernergebnisse.pdf

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