Spätestens seit dem Beschluss des BGH vom 01.02.2017 erlebt das Wechselmodell – oder besser: die paritätische Doppelresidenz – eine erhöhte Aufmerksamkeit.

Ich möchte hier meine Sicht auf diese Betreuungsform für die Kinder nach einer Trennung der Eltern darstellen.

Was ist das Wechselmodell?

Das Wechselmodell ist das Betreuungsmodell, in dem sich beide Elternteil in einer Elternschaft auf Augenhöhe befinden. Sie haben beide den Anspruch, ihre Kinder zu betreuen und Alltag mit ihnen zu erleben, als auch beide das Verlangen, für ihr Auskommen selbst zu sorgen. Die Kinder erleben ihre Eltern als gleichberechtigt, gleich-mächtig, sowie gleichwertig. Das ist für ihre Entwicklung und vor allem für die Entwicklung ihres Selbstbildes am gesündesten.

Entgegen dem was die Bezeichnung suggeriert, gibt es im klassischen Wechselmodell weniger Wechsel, als im überholten – meist nach völlig veralteten Rollenmodellen der Eltern angeordneten – Residenzmodell. Beim Residenzmodell mit Mindestumgang sind die Wechsel von einem Haushalt in den anderen tatsächlich gleich; aber da sehen die Kinder ihren Vater (meist sind es die Väter) auch nur an einem Wochenende aller vierzehn Tage. Wer will das schon…

Wenn das erweiterte Residenzmodell gelebt (oder verordnet) wird, dann sehen die Kinder den Umgangselternteil auch nur aller vierzehn Tage, und dazu noch einen Nachmittag in der Woche, oder aller zwei Wochen. Was bei letzterem sechs Wechsel in zwei Wochen ergibt. Im Wechselmodell dagegen gibt es nur zwei Wechsel in zwei Wochen. Daher bietet sich an, von einer paritätischen Doppelresidenz zu sprechen, da die Kinder eh in allen Fällen beiden Haushalten leben (es sei denn sie haben gar keinen Kontakt zu einem Elternteil); im Residenzmodell nur in ungleicher Zeitverteilung.

Die Folgen des Residenzmodells

(vor allem, wenn es gegen den Willen eines Elternteils gelebt oder angeordnet wird)

Da die Kinder ihre Eltern ungleich erleben, sind folgende Entwicklungen symptomatisch:

  • Loyalitätskonflikte sind stark ausgeprägt, da sie einen Elternteil als schwächer erleben (auch wechselseitig)
  • bei dem Elternteil mit wenig, oder sehr zerrissener Zeit gibt es nur Ankommenszeiten; es ist nicht möglich, über längere Zeiträume etwas aufzubauen
  • Kontakt zum Elternteil mit wenig oder zerrissener Zeit kann nicht gesättigt werden
  • häufig entwickeln sich Vorbehalte der Kinder gegenüber dem Elternteil mit weniger Zeit
  • die Bindung zum Elternteil mit weniger Zeit leidet unter der Situation
  • Kinder, die mehr Zeit mit einem Elternteil einfordern, dies jedoch nicht erreicht werden kann, resignieren und erleben sich als nicht selbstwirksam (oder sehen es bei dem entsprechenden Elternteil)
  • sie erleben den Elternteil mit mehr Zeit als abhängig vom anderen Elternteil, da er meist nicht für sein Auskommen sorgt, sondern von den Unterhaltszahlungen oder vom Unterhaltsvorschuss des anderen Elternteils lebt
  • der Streit der getrennten Eltern wird weiter am Leben gehalten, da ein Elternteil mächtiger ist als der andere

Lösungsansätze über das Wechselmodell

Wenn die Elternteile in der Ausgestaltung der Betreuung auf Augenhöhe kommen (durch die Reformation des Umgangs- und Unterhaltsrechts; bzw. der Veränderung der ständigen Rechtsprechung), dann werden die Streitigkeiten sich auf jeden Fall leichter beilegen lassen. Diese liegen meist dort begründet, dass ein Elternteil über die Ausgestaltung der Betreuung der Kinder bestimmen kann, und der andere diesem folgen muss.

Für die Kinder bedeutet das natürlich in allererster Linie einen Gewinn. Die oft propagierte Belastung durch den Wechsel in zwei Haushalte findet nicht _mehr_ statt, als im Residenzmodell auch. Dort ist der Aufenthalt nur ungleich und darunter leiden die Beziehungen – und am Ende  die Gesundheit – durch die oben genannten Folgen. Bei der paritätischen Doppelresidenz kann endlich der Kontakt zu beiden Elternteilen gesättigt werden!

Wenn die Betreuung von beiden Elternteilen in hoher Verantwortung übernommen wird, dann kann sich jeder von ihnen auch selbst um sein Auskommen kümmern und ist nicht weiter wirtschaftlich vom anderen abhängig. Beziehungsweise wird in eine wirtschaftlich prekäre Lage gebracht, wenn er als unterhaltspflichtiger Elternteil zwei Haushalte der Kinder finanzieren muss. Und dem derzeit gültigen Umgangsrecht nach steht ihm lediglich eine 1-Raum-Wohnung zu, die nicht mehr als 370€ kosten darf. Wie soll man da z.B. drei Kinder betreuen? Ob das nun 30, 40, oder 50% der Zeit geschieht, spielt doch dabei keine Rolle!

Sehr gut aufgeschlüsselt, wie das unterhaltstechnisch und rechtlich funktionieren kann, wurde dies im Rosenheimer Modell.

Ein Argument der Wechselmodell-Gegner ist auch gerne, dass man ein Modell nicht gegen den Willen eines Elternteils anordnen kann…hm…wenn ich genau überlege, dann passiert das 100.000-fach. Nur eben nicht mit dem Wechselmodell, sondern mit dem Residenzmodell. Und die immens steigenden Zahlen der eingereichten Anträge auf Umgangsregelung spiegeln genau die Unzufriedenheit der (meist) Väter über diese immer noch vorherrschende Praxis wider. Wir sind einfach nicht damit einverstanden, nach einer Trennung der Paarebene plötzlich Besuch für die eigenen Kinder zu sein. Und der Versorger von zwei Haushalten, in denen die Kinder nunmehr im Zuge einer Trennung leben. Das sind wir nicht! Und das wird immer lauter.

Von den Gerichten wird – immer noch – gerne argumentiert, dass im Falle eines hohen Streitpotentials der Eltern ein Wechselmodell nicht angeordnet werden kann. Die Kausalkette scheint verkehrt zu sein:

  • ein Elternteil möchte die Kinder gleichermassen betreuen, wie der andere.
  • der andere lässt das nicht zu und verweigert die Kooperation
  • der erste Elternteil wechselt daraufhin auf die gerichtliche Ebene
  • das führt dazu, dass das Gericht sagt, „wenn die Eltern zerstritten sind, dann kann das Wechselmodell (= eine gleiche Zeitverteilung in der Kinderbetreuung) nicht angeordnet werden“
  • ??

Geschichtliches

Oft wird auch argumentiert, dass Kinder ein zu Hause brauchen. Ich bin mir sicher, dass es einfacher für das Kind mit einem zu Hause ist. Allerdings ist die Situation mit einer Trennung der Eltern faktisch einfach verändert. Egal, ob es nun im Residenzmodell oder im Wechselmodell oder in irgendwas dazwischen lebt. Es gibt ab der Trennung zwei Zuhause, da die Eltern nicht mehr zusammenleben. Einfach so. Jetzt ist es wichtig, dass die gelebte Realität (Betreuungsmodell) der eingetretenen Veränderung (Trennung) auch folgen kann. Das ist bis jetzt nicht der Fall! Hier wird an vergangenen Rollenbildern festgehalten und die Kinder werden – wenn sie nicht schon in Folge von PAS entsprechend manipuliert wurden – traumarisiert, weil ihnen, wie schon befürchtet, durch die Trennung ein Elternteil auch in der Praxis (teil-)verlorengeht. Das müsste nicht so sein!

Mit der Installation des Umgangs-, Unterhalts- und Sorgerechts in das BGB hat niemand auf die Kinder geschaut! Es wurde sich ausschließlich an den Belangen der Eltern orientiert, die meist so lebten, dass die Mutter die Kinder betreut hat und der Vater arbeiten gegangen ist. Am Wochenende war er dann zu Hause; und damit die Mutter im Falle einer Trennung auch ein Wochenende mit den Kindern hat, wurde dem Vater lediglich ein Wochenende aller 14 Tage zugestanden. (Und den Kindern zugemutet.)

Wie kann heutzutage eine erwachsene Frau ernsthaft dafür sprechen, dass sie die Kinder (ausschliesslich) betreut und dem Vater der Kinder ein Besuchsrecht eingeräumt wird, damit er in der restlichen Zeit Geld verdienen geht, um beide Haushalte zu finanzieren? Wenn man das einer erwachsenen Frau vorschlagen würde, dann würde man sich mindestens eine Ohrfeige einhandeln.

Weil wir uns gesamtgesellschaftlich von diesen Rollenbildern wegbewegen, und die Frauen nach Gleichberechtigung in wirtschaftlichen Dingen und die Männer nach Gleichberechtigung in Familiendingen streben!

Praxis

Ich, Marcus, erlebe das Wechselmodell als Beobachter, da es mir in den vergangenen 3,5 Jahren nach der Trennung von der Kindesmutter nicht gelungen ist, dies für und im Namen meiner Kinder zu erreichen. Allerdings kann ich die Auswirkungen beider Situationen – Wechselmodell bei meiner Partnerin und erweitertes Residenzmodell bei uns – sehr gut wahrnehmen.

Familiensituationen ändern sich. Das geschieht heute häufiger, weil Menschen nicht mehr bereit sind, in Situationen zu verharren, die ihnen schaden. Es wäre sicher schöner, wenn alle Menschen schon reifer in Beziehungen gehen könnten, damit Trennungen vielleicht in der Zahl minimiert werden können, aber bei näherer Betrachtung verändern sich einfach Familiensituationen. Wenn man sogar ganz genau hinschaut, wird man entdecken können, dass die Beschwerlichkeiten für die Kinder, die sich aus den sich ändernden Familiensituationen ergeben, darauf beruhen, dass ihre Eltern mit der Trennung (bei Uneinigkeit) in Rollenmodelle der 1960er Jahre katapultiert werden. Und dass sie damit plötzlich auf ein Elternteil weitestgehend verzichten müssen, da sie nur noch zu Besuch bei ihm sein dürfen.

Kinder können diese Veränderungen tragen und das kann ich bei meiner Partnerin und ihren Kindern (und vielfach in unserem Umfeld) sehen.

Bei den Kindern, denen der Wunsch nach gleicher Zeit nicht erfüllt werden kann, sieht man sehr deutlich, wie sie im Haushalt des umgangsberechtigten Elternteils nicht ankommen können, wie sie an Loyalitätskonflikten leiden, wie sie nicht verstehen, warum sie bei einem Freund übernachten können, aber nicht beim eigenen Vater, warum die anderen Kinder ihren Vater sehen können, wann sie wollen; oder es zumindest so viel zusammenhängende Zeit gibt, dass der Wunsch ziemlich gleich ist, und der Wechsel von einem Elternteil zum anderen leicht fällt.

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