An Kinder gerichtet

By Marcus

Heute starte ich den Blog von Julianes Wilde Bande.

Was mir immer wieder auffällt bei Konzerten von Kollegen, oder in dem, was in den Medien als „an Kinder gerichtet“ bereitgestellt wird; oder auch nur in der Ansprache, die Erwachsene an Kinder richten, ist: Das Kind scheint nicht ernstgenommen zu werden.

Woran mache ich das fest?
Ich möchte niemandem die Absicht unterstellen, es tun zu wollen. Dennoch glaube ich, dass es stattfindet.

„Minus-Potential“

Der entscheidende Hinweis kam bei einem Vortrag von André Stern in Leipzig. Dort wies er an einer Stelle darauf hin, wie Erwachsene oft mit Kindern sprechen. Was er dazu vormachte, war die Ironie, die Verstellung der Stimme, die Reduktion auf wenige, deutlich artikulierte Worte…so wie als spricht man mit jemandem, der nicht die entsprechende Auffassungsgabe hat, das zu verstehen/wahrzunehmen, was wir (die Erwachsenen) von uns geben. André wies an anderer Stelle auch sehr eindrücklich darauf hin, dass wir Großen die nachwachsenden Kleinen oft als „Minus-Potentiale“ ansehen. Oder Menschen, die unfertig sind, und erst noch (durch Erziehung? unsere Erfahrungen, unsere Weltbilder?) fertig werden müssen. In die wir alles mögliche hineinschütten müssten, damit sie irgendwie“fertiger“, vollkommener werden. Aber eigentlich doch nur, fertiger und vollkommener, als wir uns fühlen, oder?

Potential

Dabei ist es genau anders herum. Jesper Juul stellte die These auf, dass Kinder (noch) keine Beziehungskompetenz haben. Das bedeutet, dass sie darauf angewiesen sind, dass die Erwachsenen die Verantwortung für (die Gestaltung der) Beziehung übernehmen. Wenn diese das nicht tun, dann sind die Kinder damit überfordert. Aber – und das hat nun wieder Vera F. Birkenbihl in einem ihrer Vorträge eindrücklich beschrieben – im Potential sind sie uns gleich. Jedem Menschen, der hier auf diese Welt kommt, wohnt ein fast unendliches Potential inne. Man kann das sehen wie man will; ob nun genetisch, oder spirituell. Aber es ist angelegt. Es ist vorhanden. Wir durchlaufen lediglich verschiedene Prozesse (z.B.: Erziehung, Schule), die im Grunde in den meisten Fällen dieses Potential beschneiden. Die die Kinder darin beschränken, anstatt sie zu bestärken, es zu nutzen. Kinder können alles sein! Alles andere beginnen sie im Laufe ihres Lebens nur zu glauben. Weil sie so sein wollen, wie wir. Sie wollen dazu gehören. Daher eifern sie uns nach. Und was sehen sie? Erwachsene, die viele Dinge glauben, die ihnen nicht möglich sind, oder nicht mehr möglich sind, die für sie unerreichbar waren oder sind. Die in Systemen gefangen sind, in Glaubenssätzen. Die nicht in ihre wahre schöpferische Kraft kommen können, weil sie es nicht glauben. Die unglücklich sind.

Jetzt nochmal zu dem, was an Kinder gerichtet ist. Ich glaube wahrzunehmen, dass vieles von dem entweder einen pädagogischen Zeigefinger beinhaltet (was ich persönlich für absolut überflüssig halte), oder aus einer Welt berichtet, die wir uns als Große vorstellen, wie sie sich für die Kleinen darstellt. Ich denke dabei z.B. an „Brand in der Wolkenfabrik“ (und das entsprechende Chaos, die Angst vor einem Brand in der echten Welt, der Konsum von Nachrichten), ich denke dabei an die Ironie und den Sarkasmus in vielen Trickfilmen, oder Themen wie „Stinkfüße“ oder andere „Mängel“, oder Streit und Zickereien zwischen Kindern…

Manipulation

Gerne werden ja Themen angesprochen wie: „Aufräumen“, „Hygiene“, „Essen“. Ich denke, das geschieht  immer vor dem Hintergrund, dass es uns Erwachsenen leichter fällt, die Kinder zu dirigieren, wenn sie funktionieren. Man sollte sich nur dessen bewußt werden. Will ich Kinder haben, die funktionieren? Die nichts hinterfragen, keinen eigenen Kopf haben, die angepasst sind? Stelle ich mir das als Ziel für einen gesunden Erwachsenen vor? Natürlich ist es nicht leicht, die Kinder zu hören, sie zu sehen, in jedem Moment. Hinter das zu schauen, was sie aktuell gerade tun oder sagen um sich dabei fragen, was ist es, was sie in diesem Moment brauchen können. Aber womit wir dadurch entlohnt werden ist doch, dass wir eine aufrichtige, tragfähige und tiefe Beziehung zu unseren Kindern haben werden. Und diese obendrein noch das Gefühl bekommen, dass sie als Menschen wertgeschätzt werden und auf ihre Art von Bedeutung für die Welt sind.

Wenn also solche Themen angerissen werden – und sei es nur in Vertretung, also z.B. ein kleines Männlein, was immer nicht aufräumt (jedes Kind wird wissen, dass es eigentlich selbst gemeint ist) und dann mit Liebesentzug bestraft wird; ganz subtil – dann dient die Musik letztendlich nur zur Manipulation. Dann singen alle freudig den Refrain mit…und danach fällt es ihnen auf die Füße. Oder – im Falle von „Stinkefüße“ – dass sie ausgegrenzt werden. Es könnte ja wirklich sein, dass es ein Kind als unangenehm findet, wie sein Körper sich äußert (vielleicht ja auch nur auf zu viel, zu warme, zu enge Schuhe?) und diese Äußerung wird im Lied aber sehr deutlich als unangenehm bezeichnet. Dann wird es lernen, dass es nicht dazu gehört und irgendwas an sich ändern muss. Den „Makel“ zum Beispiel verbergen, sich dafür schämen, oder bei anderen noch größere „Fehler“ suchen, damit es selbst nicht das Kind mit dem größten/einzigen „Fehler“ ist, etc.

Ich stelle fest, dass ich nicht wirklich beim Eingangsthema des Posts geblieben bin. Für mich bedeutet das, dass das Thema ziemlich komplex ist und ich es in Zukunft immer wieder von verschiedenen Perspektiven beleuchten werde.

Frage an dich

Was denkst du, woran merken Kinder, dass sie ernstgenommen werden? Wie äußert es sich, wenn wir Vertrauen in ihr Potential haben? Wie kann es bei den Kindern ankommen, dass sie als vollwertige Menschen betrachtet werden?

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3 comments

Christina

DANKE für diesen Artikel. So wahr und so wichtig. 🙏🏼

    Marcus

    Vielen Dank!

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